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9 Nov | Nachgefragt: Pflanzenschutz – Notwendigkeit und Alternativen

Interview mit Prof. Dr. Andreas von Tiedemann

Prof. Dr. Andreas von Tiedemann leitet die Abteilung Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz im Department für Nutzpflanzenwissenschaften an der Universität Göttingen. Der Bremen Cotton Report möchte das heutige Gespräch als einen Impuls zum Thema Landwirtschaft und Pflanzenschutz sehen. Diskutieren Sie mit.

Herr Prof. von Tiedemann, Pflanzenschutz: Wozu brauchen wir ihn eigentlich? Geht es auch ohne?

Die analoge Frage wäre: Brauchen wir eigentlich Medikamente, geht es auch ohne? Die Antwort kennt jeder, aber den meisten ist nicht klar, dass Nutzpflanzen, aus denen wir unsere Lebensmittel oder wichtige Rohstoffe gewinnen, erst durch Züchtung aus Wildpflanzen nutzbar geworden sind. Wildpflanzen besitzen nach einer langen Evolution wirksame, meist toxische Abwehrstoffe gegen Schaderreger, die sie allerdings für den Verzehr ungenießbar und damit unbrauchbar machen. Indem wir diese Ungenießbarkeit entfernt haben, haben sie ihre natürliche Abwehr verloren. Wenn wir diese nicht in Form des Pflanzenschutzes ersetzen, können Kulturpflanzen keinen Ertrag bringen. Eine Zuchtsorte, von welcher Kulturpflanze auch immer, könnte in freier Wildbahn nicht überleben. Das gilt übrigens in gleicher Weise für den ertragsorientierten wie den Öko-Anbau, weshalb auch der Öko-Anbau Pflanzenschutz benötigt.

Welche Bedeutung hat der Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln bei der Bekämpfung?

Nach einer Studie der Universität Leuven von 2019 für das EU-Parlament trägt der chemische Pflanzenschutz bei wichtigen Nahrungspflanzen wie Getreide, Kartoffel und Sojabohne zwischen 20 und 40 Prozent zum Ertrag bei. Angesichts der Jahrhundertaufgabe, bis 2050 die Nahrungsmittelproduktion um 80-100% zu steigern, um die dann etwa 9 Milliarden Menschen zu ernähren, ist dies ein signifikanter Beitrag. Dies stimmt überein mit älteren Studien, die von im Schnitt etwa 30 Prozent Ertragsverlusten bei fehlendem Pflanzenschutz ausgehen. Auf die Hungerrate umgerechnet würde der Verzicht auf Pflanzenschutz die Anzahl Hungernder von derzeit 800 Millionen auf etwa drei Milliarden anwachsen lassen, die Hungerrate würde sich also von derzeit neun auf etwa 38 Prozent vervierfachen. Bei dieser Betrachtung ist die ertragssichernde Bedeutung des Pflanzenschutzes noch gar nicht berücksichtigt. Sie würde bei Wegfall in Einzeljahren auch zu weitgehendem Totalausfall von Ernten führen.

Können synthetische Pflanzenschutzmittel Böden, Pflanzen und Tiere schädigen?

Seit den sechziger Jahren wissen wir, dass chemischer Pflanzenschutz potentiell schädliche Nebenwirkungen haben kann. Als Folge wurden seitdem immer strengere Anforderungen entwickelt, nach denen Pflanzenschutzmittel zugelassen und eingesetzt werden dürfen.  Im Ergebnis haben wir es heute mit einer de facto risikofreien Technologie zu tun, die bei sachlicher Betrachtung eine weitaus bessere Risiko-Nutzen-Relation aufweist als die meisten anderen zivilisationstragenden Technologien unserer Zeit. Möglich wurde dies, indem fast keine warmblütertoxischen, bioakkumulierbaren oder schwer abbaubaren Mittel mehr zugelassen oder eingesetzt werden. Weder diese Tatsache noch die erhebliche Minderung des Risikopotentials von Pflanzenschutzmitteln wird in den Medien oder der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen oder gewürdigt. Die Gefährdungseinschätzung des Pflanzenschutzes hat mit dem Stand des Wissens nichts mehr zu tun, ist sehr stark medial geprägt und scheint sich auf den Zustand der sechziger Jahre zu beziehen und nicht auf den der Gegenwart.

Wie beurteilen Sie die Effizienz von biologischen Pflanzenschutzmitteln bei der Bekämpfung von Krankheiten?

Aus biologisch übrigens gut erklärlichen Gründen ist die Effizienz biologischer Pflanzenschutzmittel in den meisten Fällen begrenzt und biologische Verfahren daher wenig zuverlässig. Trotz enormer Forschungsanstrengungen in den letzten 50 Jahren ist es nur in wenigen Fällen gelungen, biologische Präparate oder Verfahren zu entwickeln, die den Anforderungen der Praxis entsprechen. So decken biologische Pflanzenschutzmittel derzeit in Deutschland nur etwa 50 der insgesamt etwa 5.500 Indikationen in Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau ab, also weniger als ein Prozent. Auch wenn derzeit die großen Chemieunternehmen stark in das Thema Biologicals investieren, sehe ich auch für die Zukunft nur wenig Aussichten auf Verfahren, die den chemischen Pflanzenschutz maßgeblich entlasten oder gar ersetzen könnten.  Dennoch sollte man natürlich alle wirksamen Verfahren unbedingt nach dem Konzept des integrierten Pflanzenschutzes nutzen.

Wie erklären Sie sich die große Liebe der Europäer zum Biolandbau? Gäbe es Ihrer Meinung nach Synergien zwischen Biolandbau und konventioneller Landwirtschaft?

Diese Vorliebe beruht vor allem auf einer sehr erfolgreichen Image-Kampagne, die seit Jahrzehnten intensiv geführt wird. Sie hat es geschafft, den Konsumenten Produkte zu erhöhten Preisen anzubieten, die nachweislich weder gesünder, noch nachhaltiger oder umweltfreundlicher sind. Möglich ist dies, weil die Kampagne auf eine weitgehend urban geprägte Bevölkerung trifft, die einerseits einen Ort für das Ausleben ihrer Natursehnsüchte sucht und andererseits von den Notwendigkeiten und Bedingungen der landwirtschaftlichen Produktion weit entfernt ist.

Was ist der Stand der Dinge beim Thema Glyphosat?

Derzeit läuft die Bearbeitung der Anträge auf Zulassungsverlängerung. Es waren vier Rapporteur Member States bestimmt worden, um das Verfahren auf noch breitere Füße zu stellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) letztlich zu einem negativen Votum kommen wird, zumal alle Zulassungsbehörden weltweit zur gleichen Bewertung kommen, nämlich dass nach den heute gültigen Kriterien Glyphosat zuzulassen ist. Für die Landwirtschaft wird ein Verbot zu einem Rückschritt nicht nur in Bezug auf die Produktivität, sondern vor allem auch hinsichtlich ökologischer Standards führen. Für die Politik wird es sehr schwierig werden, noch umzuschwenken, obwohl die Dossiers nach aktuellem wissenschaftlichem Stand ein Verbot nicht hergeben werden. Dann wird es möglicherweise zu einer politischen Entscheidung kommen, da durch eine extrem einseitige Medienberichterstattung enormer öffentlicher Druck aufgebaut worden ist. Wenn es so kommt, wäre dies das offensichtliche Ende eines fakten- und wissenschaftsbasierten Zulassungsverfahrens.

Wie beeinflusst der Klimawandel das Auftreten von Pflanzenkrankheiten?

In der aktuellen Pflanzenschutzsituation sind weniger langfristige Klimaänderungen als die aktuelle Wetterlage von Bedeutung. Darauf hat sich die Landwirtschaft seit Anbeginn einzustellen gehabt und macht dies jedes Jahr an unendlich vielen unterschiedlichen Standorten mit großem Erfolg, wie die seit Jahrzehnten steigenden Erträge eindrucksvoll belegen. Da es den Klimawandel nicht erst gibt seitdem die Medien ihn entdeckt haben und die Landwirtschaft sich seit jeher darauf gut einstellen konnte, gibt es für mich keinerlei Zweifel, dass dies auch zukünftig der Fall sein wird. Was das Auftreten neuer Schaderregerprobleme angeht, zeigen verschiedenen Studien, dass der Einfluss des Klimawandels minimal ist im Vergleich zu Effekten durch Änderungen im Anbausystem. Beispiele sind die Ausweitung des Maisanbaus aufgrund veränderter Energiepolitik oder die Änderung der Bodenbearbeitungsverfahren.

Welche (weiteren) Herausforderungen stehen der Landwirtschaft in der Zukunft bevor?

Die größte Herausforderung der Landwirtschaft ist und bleibt wie sie immer war: Die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung mit ausreichenden und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln. Vielleicht besteht die aktuelle Herausforderung gerade darin, dass wir vor dem Hintergrund neu aufkommender Zielsetzungen wie Naturschutz und Erhaltung der Biodiversität diese eigentliche Aufgabe nicht vergessen.

Was wünschen Sie sich bezüglich der Agrarpolitik von den Politikern in Deutschland und auf EU-Ebene?

Als Agrarwissenschaftler bin ich kein Lobbyist und kann daher auch keine Forderungen an die Agrarpolitik formulieren. Meine Forderungen würden sich an die für die Forschung zuständige Politik richten. Hier würde ich mir eine Förderpolitik wünschen, die die Themen nicht nach der gesellschaftlichen Stimmung, sondern nach den wirklichen Erfordernissen der Landwirtschaft ausrichtet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Interviews in der Rubrik „Nachgefragt“ entsprechen der Meinung des jeweiligen Interviewpartners und geben nicht die Position der Bremer Baumwollbörse als neutrale, unabhängige Institution wieder.

Kategorie: Allgemein, Interviews

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